Quantencomputing erreicht eine entscheidende Entwicklungsphase. Lange wurde der Fortschritt vor allem an Qubit-Zahlen, Laborrekorden und theoretisch möglichen Anwendungen gemessen. Inzwischen verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf eine praktischere Frage: Lassen sich die Ergebnisse zuverlässig überprüfen und wirtschaftlich nutzen? IBM hat dafür neue Verfahren vorgestellt, während Quantum-Pioniere wie IonQ, D-Wave Quantum und Rigetti Computing ihre Systeme zunehmend für kommerzielle Kunden öffnen. Gleichzeitig entsteht rund um die eigentlichen Quantenprozessoren eine spezialisierte Zulieferindustrie. Diese Position besetzt QuantumCore mit der Entwicklung von Komponenten für Signalverarbeitung, Steuerung und Detektion.

Verlässlichkeit wird zum Schlüssel der Kommerzialisierung

Quantencomputer sollen Aufgaben lösen, die klassische Rechner überfordern. Daraus entsteht allerdings ein grundlegendes Problem: Ist eine Berechnung für einen Supercomputer – einen besonders leistungsfähigen klassischen Rechner – zu komplex, kann dieser nicht ohne Weiteres überprüfen, ob das Ergebnis des Quantencomputers korrekt ist. Quantencomputer arbeiten dagegen mit Qubits, den kleinsten Informationseinheiten eines Quantencomputers, die im Unterschied zu klassischen Bits mehrere Zustände gleichzeitig abbilden können. Dadurch nutzen sie quantenphysikalische Effekte für bestimmte, besonders komplexe Rechenaufgaben.

IBM und seine Forschungspartner haben nun Methoden vorgestellt, mit denen sich die Zuverlässigkeit bestimmter Quantenberechnungen während des laufenden Prozesses beurteilen lässt. Der Konzern vermeidet bewusst den weitreichenden Begriff des Quantenvorteils und spricht stattdessen von „trusted computation“, also vertrauenswürdiger Berechnung. IBM will außerdem neue Werkzeuge einführen, mit denen sich kombinierte Quanten- und klassische Rechenprozesse überwachen, überprüfen und auf Fehler untersuchen lassen.

Diese Unterscheidung ist für die Kommerzialisierung entscheidend. Unternehmen werden Quantencomputer vor allem dann einsetzen, wenn die Systeme reproduzierbare Ergebnisse liefern, sich mit klassischen Hochleistungsrechnern verbinden lassen und einen wirtschaftlich messbaren Nutzen schaffen.

Der Markt dürfte sich deshalb schrittweise entwickeln. Zunächst werden Quantenprozessoren als spezialisierte Beschleuniger neben klassischen CPUs und GPUs eingesetzt. Anwendungen entstehen vor allem dort, wo komplexe Optimierungs- oder Simulationsaufgaben einen hohen wirtschaftlichen Wert besitzen – etwa in der Materialforschung, Pharmazie, Logistik oder Finanzwirtschaft.

An der Börse rückt damit die Fähigkeit in den Vordergrund, wissenschaftliche Fortschritte in belastbare Produkte, Kundenverträge und wiederkehrende Umsätze zu überführen. Staatliche Förderung, private Investitionen und kommerzielle Pilotprojekte beschleunigen diesen Übergang, während die Branchenerlöse weiterhin auf einer vergleichsweise niedrigen Basis liegen.

IBM schafft die technische Grundlage

International Business Machines, kurz IBM (ISIN: US4592001014, WKN: 851399), gehört zu den technologisch führenden Unternehmen des Sektors. Das etablierte Geschäft mit Software, IT-Infrastruktur und Beratung gibt dem Konzern zugleich die finanziellen Mittel, die Entwicklung des Quantencomputings langfristig voranzutreiben.

Diese Kombination macht IBM zur vergleichsweise defensiven Quantenaktie. Der Konzern betreibt eine große Flotte cloudbasierter Quantensysteme und arbeitet mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Behörden und Unternehmen zusammen. Der wirtschaftliche Beitrag des Bereichs ist bislang überschaubar. Strategisch verschafft das Angebot IBM jedoch eine zentrale Stellung bei der Entwicklung technischer Standards und hybrider Rechnerarchitekturen.

Der nächste große Meilenstein ist das fehlertolerante Quantensystem Starling, das 2029 verfügbar werden soll. Später ist mit Blue Jay eine leistungsfähigere Plattform vorgesehen. IBM hat die finanziellen Mittel, die Forschungsinfrastruktur und den Kundenkontakt, um die Technologie über Jahre weiterzuentwickeln. Starling soll nach der aktuellen Roadmap Quantenschaltkreise mit 100 Millionen Rechenoperationen auf 200 logischen Qubits ausführen können.

Für den Aktienkurs von IBM dürfte Quantencomputing kurzfristig weniger entscheidend sein als das Wachstum des Softwaregeschäfts und die Entwicklung der Konzernmargen. Langfristig könnte IBM jedoch davon profitieren, wenn sich seine Hardware, Software und Prüfverfahren als Industriestandard etablieren.

IonQ, D-Wave und Rigetti suchen unterschiedliche Wege zum Kunden

Unter den reinen Quantenunternehmen hat sich IonQ (ISIN: US46222L1089, WKN: A3C4QT) das breiteste kommerzielle Profil aufgebaut. Das Unternehmen arbeitet mit gefangenen Ionen: Einzelne elektrisch geladene Atome werden in einem Vakuum festgehalten und mithilfe präziser Laserstrahlen gesteuert. Die Atome dienen dabei als Qubits. IonQ erweitert sein Angebot über das eigentliche Rechnen hinaus um Quantennetzwerke, Sensorik und Sicherheitstechnologien.

Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz auf 64,7 Mio. USD. Die vertraglich vereinbarten, aber noch nicht vollständig realisierten Leistungen erreichten 470 Mio. USD. Mehr als die Hälfte der Erlöse stammte von kommerziellen Kunden. IonQ erhöhte daraufhin seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 260 bis 270 Mio. USD.

Damit ist IonQ innerhalb des Sektors vergleichsweise weit entwickelt. Die starke Expansion verursacht jedoch hohe Kosten, während die Bewertung bereits erhebliche Fortschritte vorwegnimmt. Entscheidend wird sein, ob aus Systemverkäufen, Cloudzugängen und Übernahmen ein profitables Plattformgeschäft entsteht.

D-Wave Quantum (ISIN: US26740W1099, WKN: A3DSV9) verfolgt mit seinen Annealing-Systemen einen stärker spezialisierten Ansatz. Quantum Annealing ist ein technisches Verfahren, bei dem ein Optimierungsproblem in eine Art Energielandschaft übersetzt wird. Der Quantenprozessor sucht anschließend nach einem möglichst niedrigen Energiezustand, der einer optimalen Lösung entspricht. Die Systeme eignen sich dadurch besonders für Aufgaben mit sehr vielen möglichen Kombinationen, beispielsweise in der Logistik, Produktionsplanung oder Ressourcenverteilung.

Dieser begrenztere Einsatzbereich kann kurzfristig vorteilhaft sein. Universelle, fehlertolerante Quantencomputer werden noch mehrere Jahre Entwicklungszeit benötigen, während sich Annealing-Systeme bereits für konkrete Unternehmensaufgaben einsetzen und testen lassen. D-Waves Umsätze schwanken allerdings stark, da einzelne Systemverkäufe einen erheblichen Einfluss auf die Quartalsergebnisse haben.

Mit der Übernahme von Quantum Circuits hat D-Wave sein technologisches Spektrum erweitert. Quantum Circuits ist ein Spezialist für fehlerkorrigierte, supraleitende Quantencomputer nach dem Gate-Modell. Solche Systeme führen Berechnungen als programmierbare Folge einzelner Quantengatter aus – vergleichbar mit logischen Rechenschritten in klassischen Computern – und können dadurch grundsätzlich ein breiteres Spektrum von Algorithmen bearbeiten als Annealing-Systeme. D-Wave verbindet nun beide Ansätze in einer gemeinsamen Produktstrategie. Dadurch wächst der adressierbare Markt, zugleich steigen Entwicklungsaufwand und Integrationsrisiken. Die Kapitalmarktthese hängt davon ab, ob D-Wave seinen frühen Vorsprung bei Optimierungsanwendungen in wiederkehrende Erlöse übersetzen und parallel ein wettbewerbsfähiges Angebot aufbauen kann.

Rigetti Computing (ISIN: US76655K1034, WKN: A3DE3J) konzentriert sich auf supraleitende Quantenprozessoren. Das Unternehmen entwickelt und fertigt eigene Chips und stellt seine Systeme über große Cloudplattformen zur Verfügung. Rigetti ist dabei technologisch fokussiert, wirtschaftlich aber noch klein. Die Zusammenarbeit mit Cloudanbietern wie Amazon, Microsoft und Nvidia ermöglicht es, auf bestehende Software- und Recheninfrastruktur zurückzugreifen und die eigenen Ressourcen auf die Entwicklung der Quantenchips zu konzentrieren.

Die Finanzierungslage gibt Rigetti Zeit für die weitere Entwicklung. Der entscheidende Nachweis steht jedoch noch aus: Aus technischen Fortschritten und Forschungsaufträgen muss ein skalierbares Geschäftsmodell entstehen. Bis dahin bleibt die Aktie stark von einzelnen Leistungsdaten, Partnerschaften und politischen Förderentscheidungen abhängig.

QuantumCore besetzt die Infrastrukturnische

QuantumCore (ISIN: CA74767F1045, WKN: A429HH) positioniert sich als Infrastrukturanbieter in einer frühen Entwicklungsphase des Quantenmarktes. Das Unternehmen konzentriert sich auf Komponenten, die für den Betrieb und die Skalierung verschiedener Rechnersysteme benötigt werden. Die Aktie wird seit 2026 in Kanada und Deutschland gehandelt.

Die technologische Basis bilden Verstärker für die Auslesung schwacher Quantensignale. Sie arbeiten bei extrem niedrigen Temperaturen und sollen die Signale verstärken, ohne die empfindlichen Systeme durch zusätzliche Wärme oder Messstörungen zu beeinträchtigen.

Mit steigender Qubit-Zahl wachsen die Rechenleistung und die Anforderungen an die umgebende Infrastruktur zugleich. Verkabelung, Kühlung, Steuerung und Signalauswertung werden komplexer. Leistungsfähige Prozessoren benötigen deshalb ein fein abgestimmtes System aus Verstärkern, Schaltern, Detektoren und kryogener Elektronik, die auch bei extrem niedrigen Temperaturen zuverlässig arbeitet.

Parallel entwickelt QuantumCore Multiplexing-Technologien, mit denen mehrere Steuersignale gebündelt und effizienter verarbeitet werden sollen. Eine strategische Zusammenarbeit mit Forschern der University of Waterloo zielt auf kryogene Multiplexing-Chips, Steuerungs- und Auslesearchitekturen sowie integrierte Mikrowellenschaltungen. Damit adressiert das Unternehmen einen zentralen technischen Engpass größerer Quantensysteme.

Die geplante Übernahme von Avalanche PhotoniQ soll das Portfolio um Einzelphotonendetektoren ergänzen. Diese Komponenten kommen für photonische Rechner, Quantennetzwerke, Kommunikationssysteme und Sensoranwendungen infrage. Als erster Kommerzialisierungsschritt ist die Fertigung von 100 Detektoren für Kundenqualifikationen vorgesehen. Nach Abschluss der Übernahme würde QuantumCore damit neben supraleitenden Verstärkern eine zweite Infrastrukturplattform aufbauen.

Die Zulieferstrategie gewinnt besonders in einem Markt mit mehreren konkurrierenden Rechnerarchitekturen an Attraktivität. Komponentenhersteller können unterschiedliche Systemanbieter bedienen und an der Skalierung der gesamten Branche teilhaben. Auch der klassische Halbleitermarkt zeigt, dass spezialisierte Zulieferer in einer vielschichtigen technologischen Wertschöpfungskette bedeutende Marktpositionen erreichen können.

Zusätzliche Entwicklungsressourcen erhält QuantumCore durch die Zusammenarbeit mit dem Institute for Quantum Computing der University of Waterloo. Als Industriepartner eines Förderprogramms mit einem Gesamtwert von bis zu 1,7 Mio. CAD bekommt das Unternehmen Zugang zu spezialisierten Laboren, Fertigungsanlagen und kryogener Messtechnik. Die nicht verwässernde Finanzierung entlastet zugleich den Kapitalbedarf der Forschungsarbeit.

Für den Kapitalmarkt ist nun eine klar umrissene Abfolge operativer Meilensteine entscheidend: funktionsfähige Komponenten, reproduzierbare Fertigungsergebnisse, erfolgreiche Kundenqualifikationen und anschließend erste kommerzielle Aufträge. Fortschritte auf diesen Stufen würden QuantumCore von einem Forschungs- und Entwicklungsunternehmen zu einem spezialisierten Infrastrukturlieferanten führen.

Die Aktie bietet damit eine direkte Beteiligung an einer frühen Phase der entstehenden Quanten-Lieferkette. Kooperationen mit etablierten Forschungseinrichtungen, der Zugang zu nicht verwässernder Finanzierung und die geplante Erweiterung des Produktportfolios schaffen mehrere Ansatzpunkte für die weitere Unternehmensentwicklung.

Vom Labor zur Lieferkette

Die Quantenbranche lässt sich inzwischen in unterschiedliche Entwicklungsstufen gliedern. IBM arbeitet daran, verlässliche Berechnungen in bestehende IT-Umgebungen einzubinden. IonQ entwickelt eine umfassende Technologieplattform, D-Wave vermarktet spezialisierte Optimierungssysteme und erweitert sein Angebot um Gate-Model-Technologien. Rigetti setzt auf die Weiterentwicklung eigener supraleitender Prozessoren.

Parallel bildet sich eine Lieferkette aus Prozessorentwicklern, Softwareanbietern, Cloudplattformen, Fertigungspartnern und spezialisierten Komponentenherstellern. Diese Arbeitsteilung wird den Übergang vom Forschungsprojekt zur industriell nutzbaren Technologie potenziell prägen. QuantumCore adressiert darin die Infrastruktur für Signalauslesung, Steuerung und Detektion und damit Bereiche, deren Bedeutung mit der Größe und Leistungsfähigkeit der Systeme zunimmt.

Fazit

Der Fortschritt im Quantencomputing wird künftig stärker an Zuverlässigkeit, Kundennutzen und wirtschaftlicher Skalierbarkeit gemessen. IBM hat mit neuen Prüfverfahren einen wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht. IonQ, D-Wave und Rigetti müssen technische Meilensteine nun zunehmend in dauerhaftes Geschäft übersetzen.

Für Anleger unterscheiden sich die Risikoprofile erheblich. IBM verbindet eine langfristige Quantenoption mit einem etablierten Konzernmodell. IonQ besitzt das sichtbarste Wachstum, trägt aber hohe Erwartungen und Kosten. D-Wave und Rigetti bleiben spekulative Pure Plays mit unterschiedlichen technologischen Schwerpunkten.

QuantumCore setzt früher in der Wertschöpfungskette an. Mit größeren Quantensystemen steigt der Bedarf an Verstärkern, Detektoren, Multiplexing-Chips und kryogener Steuerungstechnik. Erfolgreiche Kundenqualifikationen und erste kommerzielle Produktionsserien wären daher die nächsten konkreten Bewertungsmarken für die Aktie.

Die Quantenindustrie entsteht in einem Zusammenspiel aus Prozessoren, Software und spezialisierter Infrastruktur. Welche Unternehmen diese Lieferkette prägen werden, entscheidet sich bereits heute – lange bevor fehlertolerante Quantencomputer zum industriellen Alltag gehören.

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